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Das Wetter in Locarno: wechselhaft bis sonnig


Gespannt war man auf die erste Ausgabe des Locarner Filmfestivals unter der Leitung des neuen künstlerischen Direktors Frédéric Maire. Welche Akzente würde er setzen, und wie wird wohl der Gesamtausdruck ausfallen? Nach 12 Tagen Locarno ist Zufriedenheit am Platze – ohne aber einen Vorwand für Selbstzufriedenheit bieten zu sollen.



Nein, unzufrieden bin ich mit dem diesjährigen Filmfestival in Locarno wirklich nicht. Im Gegenteil war der Aufenthalt im Tessin, welches wettermässig wieder einmal ein im Vergleich zur Restschweiz deutlich angenehmeres Klima bot, lohnenswert – und das trifft inbesondere auch auf das Filmfestival zu. Während ich mich letztes Jahr an den immer gleichen, wiederkehrenden Themen der gezeigten Filme gestört habe, war die diesjährige Ausgabe des Festivals vorallem in soziopolitischer Hinsicht ansprechender. Die Richtung, welche das Festival in dieser Hinsicht eingeschlagen hat, ist grundsätzlich die richtige. Ernüchternd muss aber auch festgestellt werden, dass die Qualität der Filme manchmal zu wünschen übrig liess – offenkundig ist es nicht leicht, ein Festivalprogramm mit anspruchsvollen wie auch qualitativ hochwertigen Filmen zu füllen. Zwar wäre dies keine unmögliche Aufgabe, doch wenn zudem der Fokus auf Schweizer Filme eingeengt wird, gerät man schnell in Schwierigkeiten: Denn das Schweizer Filmschaffen kann qualitativ einfach nicht mit internationalen Produktionen mithalten – dies gilt selbst für die vermeintlichen Highlights wie das auf der Piazza gezeigte «Mon frère se marie». Nur wenige Ausnahmen gibt es, zu wenige, als dass eine solche Schwerpunktsetzung an einem Filmfestival befriedigen könnte.

Von Nutzen wäre aber auch schon, wenn generell mehr auf den Filminhalt als auf einen vermeintlich möglichst «intellektuellen» Grad der Filme abgestellt würde: Denn viele der gezeigten Werke sind eben das, Kunstwerke, aber keine Filme, die unterhalten würden. Mit «Lights in the Dusk» von Aki Kaurismäki wurde ein diesbezüglich geradezu prototypisches Werk gezeigt: Ein von Kaurismäki selbst als Nicht-Hollywood betiteltes Schaffen, welches Action ablehnt und stattdessen auf Langsamkeit als hervorstechendstes Stilmittel baut, kann zwar schön gemachte Werke hervorbringen, welchen Kunstkritiker a priori wohlgesonnen sind. Dies kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch diesen Verzicht auf das Laster der Unterhaltung die Filme schlicht und einfach langweilig sind. Bei Kaurismäkis wenigstens noch liebevoll gemachtem «Lights in the Dusk» wünschte man sich nur noch, dass der Film endlich zu Ende gehe, weil man bereits nach der ersten halben Stunde alles gesehen hat, was der Film uns mitteilen könnte. Andere Filme, welche derselben unspektakulären Langsamkeit frönten, waren hingegen qualitativ dermassen schlecht, dass es auch vorkommen konnte, dass man aus der Vorführung eines solchen Filmes flüchtete, nur um sich bei der stilistisch gleichartigen Alternativ-Vorführung zu wünschen, im ersten Film geblieben zu sein. Besonders auf die Exzesse dieser Stilrichtung, wie dokumentarisch daherkommende Werke, welche in minutenlangen Szenen kommentarlos nichts anderes als den Alltag zeigen, sollte inskünftig verzichtet werden. Vielmehr müsste sich das Festival vermehrt auf das konzentrieren, was das Kino ausmacht, und es vom Fernsehen (und seien es die Randstunden des arte-Programms) unterscheidet: Filme nämlich, welche auf einer grossen Leinwand das Grosse im Leben zeigen, und dies auf eine grossartige Art und Weise.

Wie beispielsweise «Little Miss Sunshine», dieses ausgefallene und erfrischend andersartige Roadmovie, welches die ganze Piazza Grande – zu Recht – in Begeisterung versetzte. Oder aber auch Filme wie «Drifting Paradise», welches in visuell hervorstechenden Bildern und gleichzeitig auf eine sehr einfühlsame Art die Geschichte einer jungen Frau erzählt, welche nach dem Tod ihres Partners selber Abstand zum Leben genommen hat. Das sind die Art von Filme, welche an das Filmfestival Locarno gehören, und das Festival nicht nur zu einer Werkschau, sondern vielmehr zu einem Erlebnis machen. Glücklicherweise hat das Festival auch von dieser Sorte Filme einiges zu bieten gehabt, was einem geholfen hat, über die manchen allzu mittelmässigen Werke hinwegzusehen.
Die 59. Ausgabe des Filmfestivals in Locarno war somit wieder einen Besuch wert gewesen, und Frédéric Maire hat einen befriedigenden Einstand geboten. Auch wenn es hier und da Schwächen im Filmprogramm gegeben hat, was zählt sind letztlich Dinge wie dies: Als ich die Geschichte eines der gezeigten Filme wiedergeben sollte und mir dabei die vom Film erzählte, tiefreichende Bedeutung wieder in Erinnerung kam, ertappte ich mich dabei, wie ich eine Träne der Rührung unterdrücken musste. Solange die Filme des Festivals so aufwühlen, ergreifen oder auch schlicht erfreuen können, ist der Besuch des Filmfestivals in Locarno eine lohnenswerte Bereicherung.

Das «Filmfestival in Locarno» ist natürlich nicht nur das eigentliche Filmprogramm, zum Festival gehören auch die Infrastruktur wie auch das ganze Umfeld, in welchem das Festival stattfindet. Wie schon in den Jahren zuvor leidet das Festival unter der ungenügenden Infrastruktur, welche durch das weitestgehende Fehlen von ansprechenden Kinos geprägt ist. Dass nicht nur Festivalbesucher, sondern insbesondere auch die Filmverleiher mit der herrschenden Situation unzufrieden sind – um nicht «ungehalten» zu sagen – ist ein offenes Geheimnis. Jetzt soll es aber endlich vorwärtsgehen mit einer markanten Verbesserung der Situation. Die Rede ist von einem neuen Kino- und Bürokomplex in der Nähe der Piazza Castello und des Fevi, welches mit diesem Neubau in seiner Funktion als Kinosaal ersetzt werden soll. Diesem allerdings sehr teuren und damit auch riskanten Projekt steht als Alternative ein Kinokomplex im Innern des Kreisels der Piazza Castello gegenüber, welchem dank wesentlich tieferen Kosten gute Chancen ausgerechnet werden. Geht es nach den Worten der Vizepräsidentin des Festivals, Carla Speziali, soll schon im nächsten Jahr die Eröffnungsrede im Rohbau des neuen Kinokomplexes gehalten werden. Zu wünschen wäre dies jedenfalls – im Interesse aller, nicht zuletzt auch dem Festival selber, dessen zukünftige Existenz von dieser Qualitätsverbesserung der Infrastruktur abhängen dürfte.
Zum Zweiten ist aber auch das Umfeld des Festivals von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Hier muss die Tendenz ausgemacht werden, dass manche privaten Verkaufsstände ihre Preise allzu unverschämt gestalten. Nicht umsonst ist beispielsweise bezüglich den Ständen auf der Piazza Castello auch schon der Ausdruck «Wucherkreisel» gefallen. Umgekehrt ist wie jedes Jahr die Praxis, Platzreservierungen auf der Piazza Grande zu unterbinden, negativ zu werten. Wenn stattdessen die meisten Leute schon eineinhalb bis zwei (oder gar mehr) Stunden auf den ergatterten Sitzen ausharren, dann verlieren eigentlich alle: Denn Besucher, welche aufgrund der Politik des Festivals ihre Sitze nicht verlassen können, kaufen weder in den umliegenden Geschäften ein noch können sie für ein Abendessen eines der Restaurants der Stadt besuchen. Ein Ermöglichen von Reservationen von einer bestimmten Zeit an würde hingegen sicherlich von einer Mehrzahl der Betroffenen geschätzt.
Abschliessend soll aber noch ein Lob für das Leben um das Festival herum ausgesprochen werden: Obwohl mit der Schliessung des Grand Hotels eine ausgesprochen interessante Partylocation weggefallen ist, kann das Teatro Paravento als valabler Ersatz bezeichnet werden, und auch sonst sind durchaus reizvolle Ausgehmöglichkeiten angeboten worden. Und dass auch tagsüber das Tessin lohnenswerte Ausflüge oder Bademöglichkeiten bietet, müsste eigentlich nicht erwähnt werden, soll zur Erinnerung an dieser Stelle aber dennoch getan werden.


[dls]


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