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debonair: the pollenflight e.p.

Eine musikalische Reise durch die Melancholie

Schon an der CD sieht man, dass Singer & Songwriter Boris Witmer – aus welchem debonair ausschliesslich besteht – sich von der breiten Masse abheben will: die völlig durchsichtige Hülle ist von aussen bedruckt, das Booklet wiederum praktisch fast ohne jeden Text. Und auch die Musik fliesst konsequent am Mainstream vorbei, ist aber gerade deswegen besonders – besonders schön. Meist von der akustischen Gitarre und manchmal verträumten Samples getragen verbreitet die Musik von debonair Melancholie, ohne aber jemals in eine bedrückende Schwere zu verfallen. Beim Anhören der CD können musikalische Verwandte wie beispielsweise Folk Implosion herausgehört werden; dass debonair auf der Bühne auch mal Mazzy Stars Fade into You spielt, sagt ebenfalls viel über die musikalischen Vorlieben aus.
debonair ist Boris Witmer. Dieser Singer & Songwriter hat sich aus einer am Punk und Grunge orientierten Schülerband über die Popgruppe Saturnine und mehreren Gastspielen bei schweizweit bekannten Bands in die Elite der Basler Indie-Szene emporgespielt, und kann heute an seinen Konzerten auch mal auf die Unterstützung von verschiedensten Personen aus Bands wie Lovebugs, Phébus oder Shilf zählen. Doch manchmal bestreitet er seine Konzerte alleine, nur die Gitarre in der Hand und den Synthesizer zur Unterstützung beiziehend. Monoton sind seine Konzerte aber nie – im Gegenteil ist Boris immer bestrebt, seine Konzerte besonders zu gestalten. Vor allem die CD-Taufe in der Basler Kuppel blieb dem Publikum als eine schon fast theatermässige Aufführung eines Stückes in Erinnerung, wie man es kaum jemals an einem Konzert erlebt hat: Mittels geschickter Kombination von Alleinunterhaltung, Beizug von anderen Musikern, Stilwechseln und einer Videovorführung wurden damals alle Register gezogen, um einen abwechslungsreichen Konzertabend zu gestalten.
Die knapp 25 Minuten lange CD namens the pollenflight e.p. ist nicht nur – äusserlich wie vom Inhalt – professionell produziert (sogar das erwähnte Video ist auf der CD vorhanden), sondern ist vor allem musikalisch genau so ein Erlebnis wie die Konzerte von debonair. Fünf verschiedene Lieder sind auf der CD zu finden, wobei sich das pollenflight-Theme in mehreren Variationen durch die CD durchzieht und ihr eine geschlossene Form verleiht.
Das Fazit: the pollenflight e.p. ist eine CD, die sich Indie-Fans nicht entgehen lassen sollten. Und wer kann, geht gleich an ein Konzert und lässt sich dort entführen in die wundervolle Welt von debonair.

[ts]
 

Eskobar, The Crash und Stamina

Ein Konzertabend mit Pop-Perlen, netter Musik und einer herausragenden Band

Um Mitternacht verliess ich das umgebaute und nun sehr geräumig aussehende Sommercasino in Basel. Der Saal wurde an diesem Abend nicht nur von einer für verhältnismässig wenig bekannte Bands beachtlichen Menge Leute in Beschlag genommen, sondern auch mit hörenswerter Musik erfüllt. Drei Bands haben gespielt, alle durchaus gut, eine davon aber deutlich besser als die beiden anderen. Vordergründig die Hauptattraktion des Abends war die schwedische Erfolgsband Eskobar. Eine wundervolle Pop-Perle nach der anderen haben die Jungs von sich gegeben – wie vom Fliessband. Letztlich hatte das ganze jedoch den Charakter einer Massenfertigung von leicht melancholischen, das Publikum immer erfreuenden Happen, die aber nicht tiefer zu berühren vermochten. The Crash aus Finnland – zu Recht als Vorgruppe gesetzt – haben netten Poprock gemacht. Aber genug der Worte hierzu.
Denn der alles überragende Star des Abends war die Band Stamina. Dieses Nebenprojekt von Giusy, dem Sänger der Basler Band Phébus, der lediglich vom Gitarristen Thom begleitet wurde, hat das Publikum mit seiner klaren Stimme in tiefe Melancholie und gleichzeitig in ungeahnte Sphären gerissen. Zuerst mit ruhigen Liedern einen bedächtigen Einstieg schaffend, steigerten Stamina die Gefühlsstärke ihrer Lieder, bevor sie leider viel zu früh am Schluss ihres halbstündigen Auftritts angelangt sind. Im Gegensatz zu ihrem letztjährigen Konzert in der Kuppel haben die beiden auf ein psychedelisches Korsett ihrer Lieder verzichtet – damit vielleicht Erwartungen derjenigen enttäuscht, die Stamina bereits gekannt haben. Die Qualität des Dargebotenen wurde damit aber keineswegs geschmälert, es wurde lediglich der Kern ihres Stiles herausgeschält. Vielleicht hätten auch Alice in Chains so getönt, hätten sie sich von der Aggressivität des Grunge gelöst und sich konsequent weiterentwickelt. Die Musik von Stamina ist demgegenüber bereits weit gereift, und ist gerade durch den konsequenten Minimalismus und der Konzentration auf die Stimme von Giusy von einer Stärke, die im heutigen, über-produzierten Musikbusiness selten geworden ist. So haben Stamina das geschafft, was Eskobar und The Crash versucht haben, aber durch ihre Orientierung am poppigen Mainstream nicht erreichen konnten: nämlich herausragende Musik gemacht.

[ts]

King Cobb Steelie: Junior Relaxer

Das beste Album

Ich werde oft gefragt, was denn mein Lieblingsalbum sei. Auch wenn böse Zungen behaupten, mir würde nichts wirklich gut gefallen, so gibt es doch mehrere Alben, welche in meinen Augen - bzw. Ohren - Spitzenqualität zugeschrieben werden darf. Eines davon ist fraglos Junior Relaxer von King Cobb Steelie.
Vor einigen Jahren bin ich an einem Konzert von Spookey Ruben gewesen, als ich das erste Mal diese Vorgruppe mit dem seltsamen Namen King Cobb Steelie gehört habe. Tatsächlich hat mir das Konzert dieser Gruppe schliesslich besser gefallen als das des Hauptacts: Hypnotisch, aber nie monoton, sondern im Gegenteil melodiös, engagiert, mitreissend waren diese Musiker aus Kanada. Selbstverständlich habe ich mir gleich das damals aktuelle Album gekauft, eine Investition, die ich bis heute nicht bereue.
Junior Relaxer ist der perfekte Repräsentant des Stiles dieser Gruppe: Häufig vom Dub ausgehend, meistens auch exotische Instrumente einsetzend, aber ohne auf die ganz klassische Gitarre-Bassgitarre-Drums-Kombination zu verzichten, werden musikalische Gebäude aufgebaut, welche manchmal ruhig und entspannt sind und manchmal spannende Klangbilder vermitteln. So glaubt man beispielsweise auf «You Should be Getting Something» direkt im Urwald gelandet zu sein... Trotz des unverkennbar eigenen Stiles wird eine grosse Bandbreite abgedeckt, so dass mitunter auch jazzige Elemente einfliessen oder gar Anleihen aus dem Hip-Hop gemacht werden. Aber auch von den Liedtexten her sind KCS nie belanglos, sondern im Gegenteil immer wieder explizit politisch, ohne wiederum gefühlsbetonte Texte zu vernachlässigen. Auch immer ein Bestandteil der Alben von KCS sind bis zu 10-minütige Instrumentals, welche das musikalische Können nochmals unterstreichen.
Junior Relaxer ist nicht das einzige Album, das King Cobb Steelie veröffentlicht haben, sowohl das Vorgängeralbum Project Twinkle als auch das aktuelle Album Mayday sind sehr hörenswert. Leider sind alle diese Alben trotz ihrer hohen Qualität und auch der durchaus internationalen Fangemeinde recht schwer auffindbar. Umso auszeichnender ist es natürlich für diejenigen Läden, welche diese Platten führen!

[TS]

The Cure: B-Sides 1978-1985

B-Sides auf einer B-Side - eine besondere Entdeckung von kaum gehörten Material

Eine Rarität sondergleichen ist die 1986 veröffentlichte Kassetten-Version von Standing On A Beach der legendären Gruppe The Cure: Auf der B-Seite dieser Musikkassette (und nur der MC!) finden sich auch 12 B-Sides der frühen Cure-Singles - und diese Sammlung stellt ein interessantes «Psychogramm» der Gruppe dar, ein hervorragendes Abbild der künstlerischen Entwicklung einer Band, welche wie kaum eine andere ganze Generationen geprägt hat.
Die ersten Lieder dieser B-Sides-Sammlung versprühen noch den rudimentären Charme der frühesten Cure-Lieder, obwohl manches genausogut auch von einem der jüngsten Alben hätte stammen können, anderes wiederum unverwechselbar dem frühen Schaffen der Band zuordbar ist. Mit «Descent» wird dann im wahrsten Sinne des Wortes hinabgestiegen in pechschwarze Sphären - dieses Lied ist neben «Fascination Street» das wohl dunkelste aller Lieder von The Cure. Allein mit der Gitarre und hintergründig eingesetzten Cymbals wird hier eine Stimmung aufgebaut, die bedrückender kaum sein könnte. Davon erholen wird sich der Zuhörer oder die Zuhörerin aber nicht können, denn schon im nächsten Lied wird man in einen psychedelischen Irrgarten gestossen, der einem richtiggehend kalten Schweiss auf die Stirn treibt. Nach dieser aufwühlenden Reise durch die dunkelsten Epochen dieser Band wird man nun aber gemächlich in die poppigen Zeiten von «Let's Go to Bed» oder «Lovecats» geführt. Neben wunderschönen Liedern und Popperlen wird es mit «A Few Hours After This» geradezu süss-schmalzig. In dieser poppigen Art geht es weiter, bis gegen Ende dieser B-Sides-Sammlung die Stimmung wieder ernster wird, um geradezu programmatisch mit «New Day» in die düster-depressiven Ebenen geführt zu werden, die für das Gesamtwerk von The Cure so typisch sind: Aus der immer wieder vorgeführten fröhlichen Leichtigkeit kann jederzeit und unvermittelt die Abgründigkeit auftauchen...
Diese B-Sides-Sammlung ist vorallem deswegen interessant, weil es einen Querschnitt einer Band darstellt, welche von himmlischer Leichtigkeit bis in alptraumhafteste Verwinkelungen alle Gemütsstimmungen musikalisch umsetzen kann und geschickt einzusetzen vermag. So wird das Anhören der Lieder von The Cure immer wieder zu einem imaginären Abenteuer, welches mindestens so spannend ist wie ein gutes Buch.

[ts]
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Schickt Stiller Has an den Eurosong Contest!

Wo die wirklichen Defizite der Schweizer Vertretung am Eurosong Contest liegen

War Francine Jordi wirklich so schlecht oder ist es, weil wir nicht in der EU sind? Weder noch, behaupte ich, und konstatiere das Offensichtliche: Die Schweizer Vertreter am Eurosong Contest spielen nicht mehr das, was am Contest Erfolg hat.
Während mittlerweile praktisch alle Länder den Wandel der Zeit vollzogen haben, und poppigen Mainstream an den Contest schicken (der zwar meist grässlich tönt, aber eben Erfolg hat), scheint bei den Schweizern die Zeit still zu stehen: Das was Francine Jordi und alle ihre Vorgänger geboten haben, wäre vor zehn Jahren zumindest mittelmässig gut angekommen. Aber damals waren Chanson, Schlager und Volksmusik noch das bestimmende Mass am Contest. Der Unterschied zu heute ist eigentlich himmelschreiend – dass die Schweiz dies noch nicht bemerkt hat, und zur Erklärung ihres Versagens lieber unseren Nachbarländern «unfaires Verhalten» vorhält, die uns nicht genügend Punkte zuschieben, hat vielleicht mit derselben Borniertheit zu tun, weshalb viele Schweizer immer noch nicht eingesehen haben, dass die Schweiz ein Teil sowohl von Europa als auch der Welt ist. Dass Opportunisten dies ausnützen, und das regelmässige aus-allen-Rängen-fallen am Contest der fehlenden EU-Mitgliedschaft zurechnen, nützt aber auch nicht viel. Vielmehr sollten wir uns fragen, mit was für einer Art von Musik wir am Contest besser abschneiden könnten.
Und da eröffnen sich uns zwei Chancen: Die eine ist das Mitlaufen im Mainstream. Die TEARs könnten für die Schweiz genauso Punkte gewinnen wie DJ Bobo oder allenfalls sogar Gotthard. Freilich, einen Spitzenplatz könnten wir so nicht erreichen, da haben die ewigen Gewinner am Contest schon traditionellerweise bessere Chancen. Wenn schon auf dieser Schiene fahren, dann sollten also aussergewöhnliche Bands oder SängerInnen ausgewählt werden: Warum haben Abba zu ihrer Zeit derart glorios gewonnen? Weil sie sich deutlich von den anderen abgehoben haben. Zwar waren sie auch damals qualitativ nicht gerade spitzenmässig, dennoch konnten ihnen zwei entscheidende Qualitäten zugesprochen werden: Einerseits die erwähnte Besonderheit gegenüber den anderen Teilnehmern, und andererseits ein dennoch bestimmendes Mass an Mainstream-Orientierung. Dies ist das Erfolgsrezept von Gewinnern.
Da wie gesagt die Schweiz aufgrund ihrer schwachen Position am Contest sowieso nicht mit einem Spitzenplatz rechnen kann, könnte auch ein zweiter Weg begangen werden. Ein Weg, der zwar nicht massenhaft Stimmen garantiert, dafür aber das Wohlwollen oder vielleicht sogar die Achtung durch die Kommentatoren zur Folge haben kann: Schicken wir also das Aussergewöhnlichste, was die Schweiz zu repräsentieren vermag, an den Eurosong Contest. Und wer kommt da besser in Frage als Stiller Has? Kurios sind sie ebenso wie sie Erfolg haben. Mit ihnen könnte die Schweiz zwar auch keine Punkte gewinnen, dafür würde aber ganz Europa von uns sprechen – für einmal aber positiv ...

[ts]

Virus als Hoffnungsträger

Warum die Restrukturierungen bei Radio DRS zum Guten führen können

DRS 3 ist schon lange gestorben, jegliche Inspiration und Kreativität ist aus dem Musikprogramm verschwunden. Letzte Ausnahme waren die Specials im Abendprogramm, allen voran die Sendung Sounds. Dass Sounds ein Fremdkörper im Mainstream-Sender DRS 3 geworden war, bestreitet niemand. Und wäre Sounds innerhalb von DRS 3 verblieben, dann würde da kaum mehr jemand einschalten, weil das Zielpublikum von Sounds tagsüber schon längst ausgeschaltet hatte - oder umgeschaltet auf einen kreativeren Sender.
Auf der anderen Seite gibt es den Radiosender Virus. Jung und dynamisch kommt er her, Virus ist für die junge Generation das, was früher einmal DRS 3 war. Auch wenn Virus vom anfänglich noch eher experimentellen Kurs etwas hin zu massenverträglicheren Geschmacksrichtungen gerückt ist, kann Virus immer noch als der innovativste überregionale Musiksender der Deutschschweiz bezeichnet werden. Anfangs wurden als Zielpublikum offiziell vor allem die Teenager genannt, doch hatten schon immer Twens und mitunter auch ältere Hörer, die von DRS 3 enttäuscht waren, in ihrem Radio Virus laufen. Als zudem im Rahmen der Restrukturierungen von Radio DRS die Sendung Sounds in Virus integriert wurde, dann kam zusammen, was zusammen gehört, und der Sender bekam damit das bestmögliche Abendprogramm.

Dass der kommerziell zwar erfolgreiche Sender DRS 3 künstlerisch am Boden liegt, kann verkraftet werden. Wichtig ist nun, dass die qualitativ bessere Alternativstation Virus zu einem vollwertigen Sender ausgebaut wird. Denn es war schon immer die Alternativszene, welche die Musikszene der Zukunft formte. Hier sind die künstlerischen Entdeckungen, hier finden sich die wahren Perlen der Musikszene. Ob verkaufs- und hitparadenträchtige Bands wie Lovebugs oder künstlerisch hochinteressante Projekte wie Stamina, ohne eine Entdeckung durch das Medium Radiosender müssten sie sich mit einer Existenz im Untergrund begnügen. Mit Virus hingegen kann die alternative Musikszene darauf hoffen, weitherum gehört zu werden.
Und in der Alternativszene gibt viele Talente zu entdecken - Twice, Moos, Debonair sind nur einige wenige Stichworte dazu. Die unerhörte Chance, die sich mit Virus bietet, muss genutzt werden! Zusammen mit Virus könnte die Alternativszene Veranstaltungen auf die Beine stellen, wie dies beispielsweise die BScene mit DRS 3 schon vorgeführt hat. Die Alternativszene könnte davon profitieren genauso wie der Radiosender Virus.

Es ist also ein grosser Glücksfall, dass Virus mit der Sendung Sounds als schweizweit führender Alternativsender gestärkt wurde. Das allein darf aber nur der Anfang gewesen sein, jetzt muss also gehandelt werden!
Lokal müssen die Veranstalter das Potential der Alternativszene besser ausnützen. Ansätze dazu gibt es bereits, diese gute Arbeit muss fortgeführt werden. National ist es vordringlich, dass der Sender Virus endlich eine UKW-Frequenz zugeordnet bekommt, damit er weitherum empfangen werden kann. Hier ist nicht zuletzt die Politik gefordert. DRS-intern wiederum muss Virus eine Position zugebilligt werden, welche ernsthaft der Virus-Crew die Möglichkeit geben würde, diesen Sender zu einer nationalen Institution auszubauen. Würde dies gelingen, wäre auch die Motivation für eine engagierte Arbeit gegeben, womit Virus für alle zu dem werden könnte, was DRS 3 einst gewesen ist.

So könnten schliesslich alle profitieren, die Kulturszene, Virus und dessen nationale Hörerschaft. So kann es passieren, dass wir vielleicht in ein paar Jahren sagen werden, was für ein Glücksfall die Umstrukturierungen bei DRS 3 und Virus doch waren!

[ts]
[ Zum Reinschauen & Reinhöhren  http://www.virus.ch ]
 

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