Immer wenn von Watchphones die Rede ist, fällt der Name
Dick Tracy, der legendäre Polizeidetektiv, der eine Armbanduhr
besass, mittels der er mit den Polizeikräften kommunizieren
konnte. Aber genau wie Dick Tracy sind Watchphones bis vor
nicht allzu langer Zeit ein Produkt der Fantasie geblieben.
Kaum je ist ein Modell über den Status einer Designstudie
oder allenfalls eines Prototypen hinausgekommen (die alle
paar Jahre an Messen vorgestellten Modelle von Samsung sind
typisches Beispiel dieses Schicksals). Und wenn, dann sind
nur geringe Stückzahlen vorwiegend auf asiatischen Märkten
aufgetaucht.
In den letzten Monaten aber ist Dynamik in den Markt gekommen,
plötzlich erscheinen immer mehr und immer ausgefeiltere
Modelle, meist von chinesischen Firmen, von denen hierzulande
kaum jemand etwas gehört hat. Das könnte sich jedoch
bald ändern, denn die technischen Daten der Watchphones
sind verblüffend: Touchscreen, Freisprech-Möglichkeit,
häufig auch eine integrierte Kamera und sogar eine Micro-SD-Karte
finden in den immer kleiner werdenden Gehäusen Platz.
Auch die Sprech- und Standby-Zeiten nähern sich den von
normalen Handys an. Bluetooth ist Standard, schon sind aber
auch Modelle mit WiFi und sogar mit einem GPS-Empfänger
angekündigt. Aber bleiben wir noch in der Gegenwart.
Die erste Frage, die sich stellt, ist die der Bedienbarkeit
der Watchphones. Wer bisher schon mit einem Headset telefoniert
hat, muss sich kaum umstellen – per Bluetooth mit dem
Headset verbunden, kann man den Besitzer eines Watchphones
denn kaum von einem normalen Handy-Benutzer unterscheiden.
Deutlich mehr Blicke zieht aber der an, wer per Freisprech-Einrichtung
telefoniert: Das Mikrofon genügt den Anforderungen vollkommen,
und die aktuellen Modelle bieten genug gute Lautsprecher,
um seinen Gesprächspartner auch dann zu verstehen, wenn
die Hand auf Armhöhe verbleibt. Achtung aber bei älteren
Modellen: sofern die Freisprechfunktion überhaupt zu
gebrauchen war, beliebte der Lautsprecher nach einer gewissen
Betriebsdauer den Geist aufzugeben. Vorsichtshalber sollte
deshalb die maximale Leistung des Lautsprechers nicht ausgereizt
werden.
Sofern die Sprache auf eine andere als Deutsch eingestellt
ist (die Übersetzung ist wohlwollend formuliert gewöhnungsbedürftig),
entspricht auch die Menüführung durchaus den von
Handys gewohnten Standards. Alle Standardfunktionen wie Organizer,
Wecker und Spiele sind integriert, auch ein Dateimanager fehlt
nicht, und je nach Ausrüstung des Watchphones können
mit der Kamera Bilder und sogar Videos aufgenommen werden.
Auch ein MP3- und ein MP4-Player gehören bei den gängigen
Watchphones zum Standard, womit unterwegs auch gleich Musik
gehört oder Videos angesehen werden können. Selbst
einfache Webbrowser werden auf den kleinen Wunderdingern angeboten.
Die geringe Grösse und Auflösung der Bildschirme
(häufig 128x160 bei etwa 1,4 Zoll) erscheint subjektiv
gar nicht so gering wie sie objektiv eigentlich ist: Erstaunlich
viel hat auf dem Display Platz, und auch die Bedienung per
Zündholz-grossem Stift ist auf dem Touchscreen durchaus
zu bewältigen. Für die Texteingabe kann die klassische
Schrifterkennung benutzt werden, mit etwas Übung können
die Texte sogar auf einer Bildschirmtastatur in vernünftiger
Geschwindigkeit verfasst werden.
Wer nun glaubt, für ein solches Stück Hightech Unsummen
ausgeben zu müssen, irrt: Ein Blick auf eBay zeigt, dass
bereits für noch nicht einmal 100 euro schicke Modelle
erworben werden können. Etwas ältere, aber auch
klobigere Modelle kosten gar noch weniger. Selbst die neusten
Modelle, welche von der Grösse her etwas voluminöseren,
gewöhnlichen Armbanduhren entsprechen, kosten deutlich
weniger als hierzulande für aktuelle Handys ohne Vertragsbindung
verlangt wird. Wie als ob dies noch nicht genug wäre,
ist die Ausstattung der Angebote reichhaltig: das Bluetooth-Headset
wird gleich mitgeliefert, zwei Akkus sind meist selbstverständlich,
eine SD-Karte ebenso im Paket enthalten.
Fragt sich nur, weshalb Watchphones nicht bereits beliebter
sind, zumal das Volumen der Watchphones – gewichtigster
Kritikpunkt an den älteren Modellen – in den Augen
vieler Nutzer mittlerweile die kritische Grösse unterschritten
hat. Eigentlich können lediglich zwei Gründe ausgemacht
werden: Erstens der in Europa sehr geringe Bekanntheitsgrad
der Watchphones – was sich in nächster Zeit aber
ändern dürfte. Und zweitens eine ausgesprochen konservative
Einstellung in vielen westlichen Ländern, die bereits
bei den Smartphones für eine schleppende Verbreitung
gesorgt hat. In asiatischen Ländern hingegen sind Watchphones
ein Hit: die neusten Modelle verkaufen sich gut, im Fernsehen
werden Watchphones aktiv beworben, und praktisch jeden Monat
kommen weitere Modelle auf den Markt.
Die Entwicklung schreitet dementsprechend rasant voran: Bereits
erhältlich sind Modelle mit grösseren Displays;
zu den nächsten Neuerungen wird die WiFi-Unterstützung
zählen, auch ist von einem neuen Modell mit integriertem
GPS-Empfänger die Rede. Grösstes Problem ist nach
wie vor die Akkuleistung, welche beispielsweise noch die Nutzung
von UMTS-fähigen Empfängern verhindert. Sobald diese
Hürde gemeistert ist, werden aber noch weitere Dimensionen
der Fähigkeiten von Watchphones möglich: Mit dem
schnellen Datenverkehr und der bereits integrierten Kamera
wäre dann sogar Videotelefonie möglich – wofür
Watchphones dank ihrer dafür geradezu perfekten Ergonomie
wie geschaffen sind. Auch mobiles TV wäre möglich,
wenngleich freilich nicht unbedingt sinnvoll.
Doch wer bitte fragt schon nach dem Sinn, wenn man ein Watchphone
live gesehen hat? Was in der Theorie bei so manchem noch Zweifel
hinterlässt, erzeugt in der Praxis nicht nur viel Aufsehen,
sondern immer wieder auch ein Must-have-too-Verlangen. Womit
auch die heute noch geringe Verbreitung von Watchphones in
unseren Breitengraden mit der Zeit wohl Vergangenheit werden
dürfte.
Bilder: EP-2502 und EP-2501 von Shenzen
Epoda Technology Co., Ltd.